Die Weißwurst in Premiumsauce...

Der Kandidat: Er ist Weiß, er ist Bayrisch, er ist "Premium". Es ist ein X1!


Nach einer kleinen Vorabrecherche kann man sich getrost auf zweitklassige Geländegängigkeit einstellen. Reinste Theorie, denn in der freien Wildbahn bilden das Kopfsteinpflaster der Innenstadt und die Bordsteinkante des Gehsteiges wohl die härteste Gelände-Challange. Der erste Blick auf die Karosserie verrät, dass BMW auch nicht mehr erwartet. Zusammen mit Front und Heck sind die Flanken in einem unlackierten Plastik verkleidet. Das schreit förmlich nach Geröllschrammen und Schotterausschlag. Beim genaueren Hinsehen entdeckt man dezente, in Schwarz-Hochglanz lackierte, geradezu verletzlich wirkende, an der Unterseite angebrachte Zierleisten. Hardcore solange der Unterboden trocken bleibt also.

Vorne stemmt die Front der Kühlergrill gegen den Wind und gegen den Einheitsbreiismus der die Tage  bei BMW - und wenn man ehrlich ist bei so ziemlich jedem anderen Hersteller - regiert. Während man in der Bandbreite zwischen dem 3er und dem 7er die Unterschiede erst auf ab dem 3. Blick zu erkennen beginnt und selbst die 1er-Fahrer die 5erGT front als die Ihre identifizieren ist der X1 eine Aussage - eine Aussage der Individualität. Die Front markant lang. Das Heck einen Hauch X6. Dazwischen eine Mischung aus 5-Türer 1er und Kombi 3er. Die Flanke vermittelt unfreiwillig das Gefühl man hätte bei einer Ganzkörperfolierung geschlampt und einen Teil der Wand überspannt statt zu bekleben - das gefällt! 


Im inneren sucht man nach "Premium". Die Weißwurst hat indes das "Premium" verinnerlicht. Ein Bisschen zu sehr wie ich meine. Denn es steckt so tief drin, dass es an der Oberfläche schon wieder untergegangen ist. Das Cockpit ist zwar sportlich und optisch durchaus ansprechend die Materialwahl erzeugt aber unfreiwilliges Arbeitstier-Feeling. Hartes, raues Plastik vermittelt den Charme einer DoKa-Pritsche (doch hardcore also) und das obwohl die Formensprache durchaus elegant daherkommt. Mein (subjektives) Argument dagegen: Wer statt zu lenken lieber an irgendwas herumfummelt, der sollte sich eben lieber eine fummelfreudige Beifahrerin zulegen.


Das optionale - aber bei dem Fahrzeug beigepackte - Sport-Line Paket liefert neben ein paar roten Ziernähten auch ein Paar Sportsitze. Straffe Polsterung, Sitzfläche zum selberverlängern und für die Fetischisten eine Schraubenzwingenfunktion auf Knopfdruck. Wirklich hardcore geht es für die, die hinten sitzen (müssen) weiter. Die "wohlig weiche" (anm. Sarkasmus!) Atmosphäre einer Heurigen-Holzbank empfängt die Passagiere. Hinten habe ich persönlich allerdings nicht vor zu sitzen, also weiter im Text.

Der Kofferraum ist wenig überraschend - 1er Niveau und etwas mehr. Der universelle Leichentest zeigt: 1 Leiche passt hinten rein, man muss nur (wie so oft) darauf achten die Leiche vor der Leichenstarre hinein zu verfrachten. War man zu langsam kann man optional die Rückbank umlegen. Für das optimale Tetris-Erlebnis kann man das Umlegeverhältnis frei wählen - frei solange es 40:20:40 ist. Zur besseren Leichentarnung ist ein Ski- und Snowboardschutz mit an Bord.

Zurück zum Kernpunkt. Zurück zum Fahren. Hintern eingezwengt, Seitenwangen des Fahrersitzes auf Schraubzwingenmodus, Los gehts! 

Hinter dem Kühlergrill werden 2 Liter auf Hochtouren geföhnt. 143 PS. Kennt man. Der X-Drive - soll heißen Allrad - bringt den Dreh auf die Räder. Dazwischen verwaltet eine Automatik das Moment. 2 Fahrmodi - Drive und Sport - und 8 Gänge stehen zur Auswahl. Bei der Auswahl kann man schon förmlich sehen wie Bryan, Dom und Letty feuchte Augen bekommen. Ein Kickdown aus dem Stand hat was von einem Steinschleuderschuss. Erst der Kick dann die ununterbrochene Beschleunigung - zumindest die ersten 3 Gänge. Danach verschwinden die Warp-Streifen um einen herum. Ein Blick auf den Tacho bestätigt das Befürchtete. Das Beschleunigungsfeeling täuscht, so schnell geht's dann doch nicht voran. Wenn 140 PS auf etwas weniger als 2 Tonnen treffen wäre alles andere nichts weniger als ein Cheat an den Gesetzen der Physik. Diese Erfahrung wird unter dem Titel "Fahrspass im Bereich der Legalität" verbucht und ich freue mich drüber, dass man in diesem Auto auch mal einen Kick spüren kann ohne dabei vom Rosa-Wettex (anm. Führerschein) abschied nehmen zu müssen.

Beim Fahrwerk herrscht unaufgeregte Kompetenz. Im Dialog mit dem X-Drive werden motivierende Abbiegemöglichkeiten zu Geraden degradiert. Lediglich die Außenflanke der Karosserie würdigt Kurven mit dem angedeuteten Nicken eines Kaiser zu seinem Untertan. Der Beweis, dass "handling" von "handlich" kommt wird damit erbracht. Handlich ist er nämlich, der X - mann könnte meinen man fährt einen etwas höheren Kombi. Die Parkplatzjagt im Stadtgelände schont damit die Nerven.

Die Aufpreisliste des Testkandidaten wurde sichtlich nicht überstrapaziert. Das Potpourri der Extras lässt den X1 dennoch nicht  nackt da stehen. Xenon, Tempomat, Lichtpaket, Sportsitze, große Navi       (vulgo Navigation Professional), PDC hinten - all das ist mit wenigen Ausstattungspaketen und knappen € 8.500,- zusammengefasst. Zeitgemäße Assistenten mag man an dieser Stelle vermissen. Hier merkt man dem Baby-X das Alter der Plattform an. Die, heute schon fast obligate, Assistenzarmee hat die alte 3er Plattform noch nicht annektiert - macht auch nichts! BMWs stehen traditionell für die Freude am Fahren und dazu sollte man schon noch selber denken, lenken und genießen.




Der X1 bietet also das perfekte Cocktail-Erlebnis - ein "Long Island Ice Tea" gewissermaßen. Von allem ein wenig, mit einem Schuss Sportlichkeit für den Geschmack. Freilich birgt eine solche Melange die Gefahr die schlechtesten Eigenschaften zu kombinieren und in jedem Punkt zu versagen. Im Wissen um die Glanzseiten des Baby-X kennt der gemeine X1-Fahrer diese (unbegründete) Angst jedoch nicht.

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