USA Special Teil I: Ein Wildpferd im natürlichen Habitat

Bald soll der neue Mustang erscheinen - das erstmals auch in Europa - und die Fachpresse schürt mit Bildern, Videos und schönen Worten schon langsam die feuchten Träume der Pony-Fans. Grund genug dem aktuellen, dahinscheidenden Wildpferd einen Artikel zu widmen.

Wir schreiben den Juni 2012. Tatort: O'Farrell Street, San Francisco, Kalifornien, USA. Die vergangenen Tage wurden mit der Hektik von New York und der Gelassenheit von San Francisco gefüllt. Die Erkundungstouren wurden dabei ganz altmodisch zu Fuß absolviert - das Selberfahren im Hexenkessel des New Yorker Verkehrs hätte ohnehin den, sonst auf Erholung getrimmten, Ausflug in einen Abenteuerurlaub (allerdings keinen der genießbaren Sorte) verwandelt. In San Fran stehen die Dinge schon anders. Es ist Kalifornien und Kalifornien ist eben anders, ist eben stressfrei.

Es war die Zeit gekommen die nächste Urlaubsstufe zu zünden und das Vorankommen zu motorisieren - wir standen in einem "Alamo" Rent-a-Car-Office. Die im Vorfeld auf den ultimativen American Way of Drive getrimmte Reservierung lautete auf einen Mid-Size-SUV. Doch der Blick auf die amerikanischen Straßen machte Lust auf mehr und so avancierte das Upgrade auf ein Muscle- oder Pony-Car zu einer Condicio Sine Qua Non. Die nette Dame am Schalter spielte mit. Herr Visa erledigte das Monetäre und wenige Minuten später wurden wir schon mit einem Parkticket zur Garage dirigiert.

Das Ergebnis unserer Bemühungen war weiß, mit einem V6 bestückt und mit einem Stoffverdeckt versehen. Die Gesichtsmuskulatur erstarrte unwillkürlich zu einem breiten Grinsen.


Das Wetter ist - nun ja - ein San Francisco Wetter eben. Sprüchen wie "The coldest winter I've ever experienced, was the summer in San Francisco"  wird die kalifornische Stadt mit windigen 15° und düsterem Wolkengrau mal wieder gerecht - das Verdeck bleibt vorerst also zu. Für das Panorama beim Zeitlupencarving entlang der Lombard Street wird eine kurzfristige Unterkühlung allerdings in Kauf genommen und das Verdeck auf Funktionstüchtigkeit getestet.


Die Farbe passt nicht, das Stoffverdeck ist nicht ganz stimmig und ein schwarzer Dodge fehlt - dennoch kommt auf den Straßen von San Francisco das Bullit/Steve McQueen-Feeling auf. Nicht ganz so heroisch verläuft die Parkplatzsuche. Hat man einen gefunden, ist das Einschlagen der Räder in Richtung Gehsteig hierzulande Pflicht. Wir hingegen, richten die Räder in Richtung Highway und lassen die Cruise Control ans Steuer.

Der Verkehr dünnt bald aus. Die Temperaturen steigen mit der Entfernung zur Küste. Die Straßen sind amerikanisch gerade. Zeit sich mit dem Interieur zu befassen.



Die großen Rundinstrumente sind Retro und zeichnen für das Muscle-Car-Feeling verantwortlich. Das Grün der Leuchtschrift spendet eine Prise 80ies-Flair. Das Lenkrad ist Plastik - Leder Fehlanzeige, gefühlt aber auch fehl am Platz - das Unterbewusste sehnt sich echtes Holz unter die Finger. Die Plastiklandschaft des Armaturenbretts hinterlässt einen zweifelhaften Eindruck. Die Optik ist imposant, interessant und auf seine Weise auch elegant - die Angemessenheit der Haptik stand allerdings wohl nicht im Lastenheft.



Der V6 brabbelt sonor, aber unauffällig unter dem angedeuteten Power Dome. Die Automatik waltet ihres Amtes. Ein beherzter Tritt auf das Gaspedal sorgt nicht für ein Schleudertrauma. Die etwas über 200 PS sind auch keine Rennpferde. Amerikanisch typisch ist das Gleiten die Kernkompetenz. Der große, T-förmige Schlatknauf, die Schalkulisse und das gelegentliche Schunkeln des Fahrwerkes lassen unfreiwillig Assoziationen an ein Boot aufkommen. Wir erreichen die Interstate - ich betätige den Schub - Ahoi!



Inzwischen nähern wir uns dem nächsten Etappenziel: Yosemite National. Die Landschaft wechselt abermals von urban zu suburban zu bewaldet zu karg und letztendlich zu gebirgig. Scheinbar wehrhaft wechselt auch die Streckenführung von gerade zu geschwungen. Es geht Berg auf - ideal für den Handlingtest.

Gut! Wenn die Straße kurvig und frei ist. Schlecht! Wenn die Beifahrerin nach wenigen Kurven das gegessene Frühstück zur Nachschau anbietet (in O-Ton: "Wenn du weiter so fährst, dann speib ich mich an!"). Ganz Schlecht! Wenn der Ausritt von einem vorausfahrenden RV-unter-Volllast beendet wird. Eine Erkenntnis bleibt: beim Mustang quietscht die Beifahrerin bevor es die Reifen tun - für einen Ami-Cruiser ist das schon als Erfolg zu werten.


Zwangsentschleunigt schalten wir in den Cruise-Missile-Mode. Top Down lassen wir uns vom Landschaftskino den Atem rauben. 


Erst am frühen Nachmittag des nächsten Tages verlassen wir die gebirgige Welt des Yosemite National. Der Landschaftsschalter fällt digital. Das üppige Grün der Vegetation wechselt übergangslos ins Karge der Wüste. Der Mono Lake gibt den letzten Meilenstein, bevor uns der Highway tiefer in die sandige Welt am Rande des Death Valley bringt.



Während die Weitläufigkeit der Szenerie für geradezu kitschige Panoramen sorgt, wird klar warum amerikanische Fahrwerke stets diesseits der Couchbequemlichkeit zu finden sind. Das längst verinnerlichte Rechtsfahrgebot zwingt das Lenkrad in Richtung des unbenutzten, rechten Fahrbahnrandes.  Die Folge: das ganze Spektrum an Erschütterungsgeräuschen  erfasst den Innenraum, während die Dämpfer vergeblich gegen das Elend des Fahrbahnbelages kämpfen. Ich lasse Gnade vor Recht ergehen und wechsle vom unbevölkerten rechten auf den besser frequentierten linken Fahrstreifen. Der erbärmliche Zustand des Asphalts soll bei der Reise kein Einzelfall bleiben.



Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir unser Nachtquartier. Ein Motel im übersichtlich dimensioniertem Lone Pine. Der Abend hält für uns eine Überraschung in Fleischform parat. Das hiesige Steakhouse hat es wohl in die Top 50 der Kalifornischen Stakebratereien geschafft. Eine Verkostung vor Ort verifiziert die Auszeichnung.

Bei Sonnenaufgang wird das Wildpferd erneut gesattelt. Wir reiten in die Todeszone. Die Annäherung an das Meeresniveau lässt sich am steigenden Thermometer ablesen. In der Tiefebene des Death Valley angekommen, bietet das Verdeck Schutz vor der Gnadenlosigkeit der sengenden Sonne. Das Außenthermometer bewegt sich längst im Bereich der 3-Stelligkeit - ortsüblich in Fahrenheit, versteht sich.

Das Paradoxe: mit steigenden Temperaturen, steigen auch die Spritpreise. Waren bis her noch $ 3,40 für eine Gallone zu berappen, prangt hier eine große 5 auf der Preisaufschrift - freie Marktwirtschaft meets Monopolstellung, eben.



Während wir mit kurzen Außenmissionen die Surrealität des "Devils Golfcourse", die Dystopie des "Badwater Basins" und die Plastik des "Zabriskie Points" erkunden, stemmt sich die Paarung aus V6 und Klima-Kompressor erfolgreich gegen die alles schmelzende Hitze.




Gegen Osten gerichtet machen wir wieder Höhenmeter gut. Die Temperaturen normalisieren sich langsam. Während ein Hinweisschild ob der Nähe zum "State Correction Facility" uns vor der Mitnahme Fremder mahnt, schält sich die Fata Morgana einer Lichteroase aus dem Wabern der heißen Luftschichten. Las Vegas! Wir kommen!



Durch den dichten Verkehr navigieren wir in Richtung des weltberühmten "Strip". Die Navigation ist dabei denkbar einfach: je dichter der Verkehr, desto näher ist man dem "Strip". Zahlreiche Leuchtreklamen erleichtern die Orientierung. 



Umringt vom bunten Treiben und grellem Leuchten, passt der Mustang wie kein anderer in die wahnwitzige Welt des Las Vegas Boulevard. Mit seiner grobschlächtigen Eleganz und amerikanischer Hemdsärmeligkeit fügt sich das Cabrio nahtlos in die neonbeleuchtete Welt der bezahlbaren Sünde.

Mit dem heruntergelassenem Verdeck lädt der 'Stang in den kommenden Tagen stets zu einer Spazierfahrt entlang der Spaß-Meile ein. Verkehrsbedingt durchbricht das Tempo selten die Schallmauer der Schrittgeschwindigkeit. Doch das stört nicht. Sehen und gesehen werden ist das Motto. 

Dabei ist der Mustang, als Sinnbild des regionalen Automobilbaus, hierzulande eine häufige Erscheinung im Straßenbild. Er ist gewissermaßen der Golf unter den Ami-Cars. Dennoch erntet er bei den Passanten und Valley-Boys stets ein anerkennendes Nicken und gelegentlich sogar den einen oder anderen Fingerzeig: "Oh Look! It's a Mustang!".

Nach nur wenigen Tagen verlassen wir den überbevölkerten, reizüberflutenden Trubel der Wüstenmetropole und setzen Kurs gen Westen. Weiterhin die rechte Fahrspur meidend, treten wir die letzte große Distanz an. Las Vegas bis Los Angeles. Über 400 km. Die menschenverlassene Wüste sorgt für Erholung der Sinne. 

Inzwischen ist der Ford zu einem treuen Begleiter geworden. Die seltsamen Eigenheiten wie das zeitweise klappern des Interieurs, das  gelegentliche surren einer losen Verdeck-Arretierung und sogar die Farb-Nase an der Motorhaube laufen längst unter "Charakter" denn unter "Fehler". Einzig die vermieterseitig zwangsverordnete Höchstgeschwindigkeitssperre bei 80 mph sorgt immer wieder für einen überraschten Gesichtsausdruck bei diversen Überholmanöver. Der mitten im Überholvorgang wegbleibende Vortrieb macht die Fahrt gelegentlich interessanter als man es gerne hätte.

Der Nachmittag beschert uns den legendären Anblick des abgasinduzierten Sonnenuntergangs über LA.

Der allgegenwärtige Verkehrsstau wurde in der Stadt der Engel irgendwann Anfang der 70er eingerichtet und blieb seit dem ununterbrochen eine Dauerinstitution. Und während wir nur quälend langsam die letzten Highlights der Reise durch das offene Verdeck bestaunen, kommt die Zeit ein Fazit zu ziehen. 



Jetzt von Wehmut verklärt zu behaupten der Mustang sei ein gutes Auto wäre eine glatte Lüge. Das ist er nicht! Mit der Beschleunigung eines Rad-Dampfers und der Verarbeitungsqualität einer Scheune, spielt dieser Ford nach sämtlichen objektivierbaren Parametern, im Vergleich zur europäischen Konkurrenz in einer ganz anderen Liga, in einem ganz anderen Stadion, in einer ganz anderen Sportart. 

Will man hier eine Messlatte in Sichtweite positionieren so wird man wohl den betagten E46 3er BMW bemühen müssen. Das, nur um festzuhalten, dass auch hier noch "room for improvement" besteht.



Lässt man die beeindruckende Flut an Erlebnissen der vergangenen Tage über sich hinweg schwappen, wird man feststellen, dass der 'Stang stets irgendwie die Hauptrolle spielte. Wie das richtige Gewürz machte das weiße Cabrio das Erlebte zum Besonderen. So ikonisch und amerikanisch wie eine kalte Flasche Coca Cola. Ein einfaches, überzuckertes Getränk - die diabetes-verheißende Erfrischung. Wie Coca Cola ist auch der Mustang so klassenlos wie eine marxistische Utopie. Die Klassenlosigkeit darf hier in vollem Ausmaß der Doppeldeutigkeit verstanden werden, denn die Klasse der deutschen Ingenierskunst oder das zeitlos-klassische des italienischen Pinselstriches bleiben für den Mustang unerreicht. Gleichzeitig kann man seinem raubeinigen Charme - und dessen hat er nicht zu wenig - erliegen, ganz egal ob man Schüler, Mindestlohnempfänger oder Millionär ist. Ob im urbanen Dschungel von San Francisco und Las Vegas, in der Einsamkeit des Motel-Parkplatzes oder in der vornehm-gepflegten Upper-Class-Welt von Beverly Hills, der Ford Mustang passt in jedes Bild.


Trotz Vorsatz der Objektivität, ist es doch der Wehmut der die Rückgabe des weißen Rosses überschattet. Er war scheußlich, er war passend, er war Ideal für diesen Roadtrip...



PS:
... oder war er? Der Blick auf die Straßen Amerikas verrät, dass der Mustang wohl lange nicht das Ende der Muscle-Car-Fahnenstange bietet. Gerade in den vergangenen Jahren hat sich die amerikanische Automobilbranche des Glanzes der vergangenen Tage entsinnt und etliche Retro-Rides produziert. Totgeglaubte Legenden wie der Camaro oder der Challenger wurden auferweckt. 2 Biester die den Brückenschlag zwischen der Computerisierung der Moderne und dem früher-war-alles-besser der Vergangenheit versuchen. 2 Gründe die Verkostung am All-You-Can-Eat-Muscle-Car-Buffet fortzusetzen...

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Bericht und Fotos: ar







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