USA Special Teil II: Das Tagebuch einer unvergesslichen Urlaubsfreundschaft

Eine Zeitreise bringt uns ins Jahr 2013. Ziemlich genau 1 Jahr ist der Erstkontakt zur Automobilen Welt der USA her. Die Erfahrungen waren durchwachsen. Das muss besser gehen. Ein Vorwand für die Reise über den großen Teich ist schnell gefunden. In der Hektik der Hochzeitsvorbereitungen durfte die Honeymoonplanung nicht vernachlässigt werden. Der Eckstein: ein Chevrolet Camaro SS - "That's the V8 one!". Die Kulisse: Florida, The Sunshine State.

Tag 0
Ein Navigationsfehler auf den ersten Metern der Reise sorgt für Stress. Erst das Taxi als Ultima Ratio bringt uns rechtzeitig zum Check-In-Schalter des Flughafens. Mit einer ausgedehnten Zwischenstation am Chicago O'Hare empfängt uns Orlando Int. mit seinem – dank Teppichböden – hotelesquen Ambiente in der Dunkelheit der Nacht.

1. Amtshandlung: Gepäck, 2.: Das Auto. Nach einer Kurzen “Ehrenrunde” zur Garage (und der Gold-Member-Lounge) und zurück (zum Schalter für Normalsterbliche) wurden die Papiere ausgetauscht.

Zur späten Stunde wird die Erstbesichtigung auf später vertagt. Wir fahren sofort los. Das Interior hat einen eher “funky smell”. Ein bisschen so als ob die bei Hertz mit chemischen Massenvernichtungswaffen einen atomaren Erstschlag gegen Zigarettenrauch geführt hätten.

Auf der Haben-Seite: Lederausstattung, Tempomat, Rückfahrkamera, Head-Up-Display,  kein Xenon(!) – alles nur Nebensächlichkeiten. Hauptsache: 6,2 L V8, 405 PS in einem nicht minder brachialen Blechkleid.

Neben ein paar guten Worten bekamen wir eine kurze Routenbeschreibung zu unserem Hotel mit auf den Weg. “North Exit, erste Abfahrt” - gesagt, getan, geschimpft. Nicht zum ersten Mal an diesem langen Tag befinden wir uns auf Abwegen. Der Minutenzeiger dreht einstweilen heute bereits das 26. Mal die Runde am Handgelenk. Wir sind müde. Wir sind blind (klar, die Brille war ja im Koffer “vergraben”). Wir sind etwas “edgy”.

Nachdem das mitgebrachte Nokia-Handy-Navi die Hoteladresse konsequent für nichtexistent hält, drehen wir 3 große Runden auf den verlassenen Straßen irgendwo nächst des Flughafens. Die nassen, breiten, leeren Straßen laden zu ein wenig Spaß ein – und das, mit diversen Doughnut-Spuren im Asphalt, sogar schriftlich. Der Müdigkeit sei es gedankt, dass der Verlockung den Führerschein an Ort und Stelle abzugeben oder den Camaro vorzeitig, um einen Baumstamm gewickelt zu retournieren, widerstanden werden kann. Also fahren wir gen Westen, die Scheinwerfer gen Straße, ein Stoßgebet gen Himmel. Nach “a little bit of creative navigating” sind wir am Ziel. Die Teppichböden eines Best Western waren noch nie so einladend.

Tag 1
Nach einer kurzen Nacht geht das eigentliche Fahrerlebnis in den Morgenstunden los. Der Actionplan sieht eine Fahrt nach Titusville und einen Besuch des Kennedy Space Centers vor. Also die Sachen gepackt und ab zum Auto.


Vorsichtige Annäherung an das 400ps Biest, jetzt wo man es auch bei Tageslicht in all der Pracht erkennt. In der ohnehin, an ein aufgerissenes Maul erinnernden, Heckklappe macht mein Fingernagel Bekanntschaft mit einer Metallkante – 1. Erkenntnis des Tages: Das Biest ist bissig! (oder ich bin einfach nur ungeschickt, aber das liest sich nicht so dramatisch ;) ) Speaking of Kofferraum. Nach dem Vorjahresmustang erscheint der Camaro als echtes Raumwunder (wenn man sich die Sonne nicht auf das Haupt scheinen lassen will, versteht sich).

Aufgesattelt – Navi scharf – auf geht's. Nach dem Hochfahren der Belüftung eine Überraschung: Die Windschutzscheibe ist beschlagen. Sollte die Klima dem nicht vorbeugen? Ein Tipp auf den Wischer bringt die 2. Erkenntnis des Tages: Hierzulande beschlagen die Scheiben außen.

Die malerische, waldige Landschaft zieht an uns vorbei. Das Wetter zeigt sich inzwischen konstant verhalten. Dichte Wockendecke, gelegentliches Tröpfeln. Insgesamt angenehm, weil nicht zu heiß.

Der V8 blubbert gelassen. Interessant zu sehen, dass auch hier die Geschwindigkeitsbegrenzungen lediglich empfehlenden Charakter haben. Empfehlungen, denen wir uns aus Vorsichtsgründen beugen.

Dem Urlaubsfeeling verfallen, gehen wir zum touristischen Teil über – der Straße nach, direkt zum Cape Canaveral.

Die ganzen Edutainmentactivities rund um das Thema Weltraum wird von einer Space-Shuttle-Launch-Experience gekrönt. Das hat High-Light-des-Tages-Potential. Einige Stunden später stehen die Uhrzeiger bereits auf “heimfahren” Uhr und “Essenszeit” Minuten. Der Tag soll noch bei einem Steak ausklingen. Als kleines Extra bekommt der Best-Western Gast einen Onion Hay Stack als Draufgabe.

Nach dem zweiten Long Island Iced Tea gesellt sich ein “Eingeborener” zu uns auf den Nebentisch. Witziger Zeitgenosse, wirkt alkoholisiert, erzählt er sei Trucker und wäre bereits durch Deutschland und Türkei getourt. Beim Wort “Trucker” bilden sich Assoziationen in meinem Kopf. Bilder von Filmen wie “Jeepers Creepers” und “Joyride” kommen an die Oberfläche. Zeit für geordneten Rückzug. Das Zimmer ist gottseidank nicht weit. Wir kommen an und fallen um. Für heute: Sendepause.

Der nächste Tag sollte die längste Fahrtetappe der Reise bilden und steht somit für das Road-Trip-Erlebnis.


Tag 2
Nach dem dürftigen Frühstück: Aufsatteln! Die Sonne lässt sich endlich blicken. Für's Cabriofahren ist's auf dem Highway aber doch zu stürmisch. Ich drücke auf Fast Forward, der V8 schreit auf, die Landschaft fliegt vorbei.

Die Geräuschlosigkeit des Verdeck-Stoffs bei 60+ mph ist bemerkenswert.

Zwischendurch ist ein Fahrerwechsel angesagt. Meine Frau muss sich erst an die amerikanischen Dimensionen gewöhnen. Ich kann mich der Erkundung des Innenraums widmen. Die Szenerie aus Plastik in unterschiedlichen Härtegraden wirkt gefällig, wenn auch nicht übermäßig luxuriös. Den Mittelpunkt bildet das Sirius-Sat-Radio. Eine Edutainment-Spielerei mit begrenzter Auswahl an Bespaßungsoptionen. Trotz Kultigkeitsfaktor werden die Country-Sender geskippt. In der Demokratur einer Ehe einigen "wir" uns auf K.I.I.S.. "Blurred Lines", "Get Lucky" und "Clarity" schallen uns entgegen.


Mein Blick wandert vom Radio zur Mittelkonsole. Die Anordnung der Zusatzinstrumente ist wohl der Tradition geschuldet, erweist sich allerdings während der Fahrt als wenig praktikabel.

Kurz vor Ft. Lauderdale darf ich wieder das Ruder übernehmen. In Ft. Lauderdale gibt es einen Tankstop – für uns, der Camaro hatte einen kurz zuvor.


Die Weiterfahrt sorgt für Hektik. Der Handy(=Navi)-Akku geht zu Neige. Der  Nachmittagsverkehr schickt einen Gruß. Wir stehen im Stau.

Gerade noch rechtzeitig erreichen wir unser Etappenziel. Wir schwenken in Richtung Ocean Drive ein. Einen Block weiter liegt unser Ziel: das Kent Hotel.


Ich übergebe die Schlüssel dem Valley-Boy und ergebe mich für die kommenden Tage dem City-Break.

Tag 3
Zu Fuß erkunden wir das Pastellfarbene des Art Deco Viertels. Nachtsüber in Neonlicht getaucht, ist hier die Partymeile angesiedelt. Tagsüber findet die Fleischbeschau statt. Männer mit 100 Kg reiner Muskelmasse umhüllt in 20 Kg Tattoo-Tinte, Frauen als Aushängeschilder der bulimie- und silikon-afinen Schönheitsindustrie. Auch Petrosexuelle kommen hier auf ihre Kosten. Gesäumt von skurrilem Blech-Gold kommt der motorisierte Verkehr am Ocean Drive nur im Schritttempo voran. 



Im Stop'n'Go entdecke ich den wohl langsamsten Miet-Ferrari der Welt. Stets mit neuen Gesichtern und neuen Hip-Hop-Beats in PA-Lautstärke ausgestattet, dreht der Rote aus Maranello die Runden im Standgas.


Tag 4
“You've got to spend money, to make money” so lautet eines der betriebswirtschaftlichen Urprinzipien. Der erste Part ist für viele ein Lebensmotto. Dieses haben wir uns für diesen Tag “ausgeborgt”. Der Tatort für den Kreditkartenmord soll die “Sawgrass-Mills Mall” in Ft. Lauderdale sein.

Nach einem Tag Abstinenz darf ich wieder V8 fahren. Die unglaubliche Leichtigkeit mit der die Führerscheinentzugsmauer durchbrochen wird, habe ich bereits vermisst.

Der Weg nach Ft. Lauderdale entwickelt sich unerwartet zu einem Mission-Impossible-Einsatz. Bei der Auffahrt auf die Interstate begeht die Handyhalterung versuchten Suizid – ein Teil der Halterung löste sich und verabschiedete sich unter den Sitz. Im darauf folgenden Stunt müssen die 2 Halterungsteile zusammengefügt und die Navigations-App wieder in Gang gesetzt werden, das ganze einhändig und ohne hinzusehen während wir uns durch den Frühmorgenverkehr von Miami durchschlängeln. Der Stunt gelingt. Wir erreichen das Ziel.

Sinnvollerweise ist Arbeitsteilung angesagt. Ich widme mich dem Camaro – Sie geht shoppen auf professionellen Niveau.


Das abgesteppte Leder der Sitze ist inzwischen unwillkürlich an die Rückenmuskulatur angewachsen. Die Bedienung der anfangs etwas kantigen Ergonomie des Innenraums, ist inzwischen zu einem Reflex verkommen. Aus dem Rückspiegel grüßt stets die athletische Schulter. Das Interior spielt Retromoderne ohne dabei das "Retro" zu inflationieren. Große Rundinstrumente in raumfordernden, rechteckigen Schalen. Das Türkis der Beleuchtung passt sich nahtlos an die Farbgebung der Ambiente-Belechtung des Cockpits an. Dem monochromem Multifunktionsdisplay fehlt es zwar an zeitgemäßer Finesse, doch bunte Bilder im Blickfeld sind ohnehin mehr Ablenkung als Funktion. Seiner Zeit voraus ist das Heads Up Display. Ein klassischer Fall von "wer braucht das schon", bis man es einmal hatte. Nach wenigen Meilen unverzichtbar, ist dieses Space-Age-Gimmik bei der internationalen Konkurrenz nur selten zu finden. In Sachen Handbremse geht es mit dem Griff in Vorschlaghammerformat klassisch zu - freundlicherweise wurde hier auf Hydraulik verzichtet.


Auf der Rückfahrt zum Hotel reift die Erkenntnis in mir heran: Hinter dem GM-Standard-Wheel ist mein Platz! Hier will ich sein!

Tag 5
Der Tag beginnt. Heute steht eine der längeren Etappen auf dem Programm – es geht nach Key West.

Nach einer Stärkungen machen wir uns abmarschbereit – diesmal Cabriotauglich. Der größte Koffer nimmt hierzu auf der Rückbank Platz, denn wenn das Stoffverdeck entfernt wird, teilt es sich den Platz mit dem Gepäck. Bei 2 ausgewachsenen Koffern wird es mit dem Verdeck im Gepäckabteil zu kuschlig.

Wir cruisen durch die Straßen von Miami, genießen noch ein wenig das Flair des Art Deco Viertels und tauchen in den Fließverkehr der Stadtautobahn ein.

Kurz vor den Keys kann das Navi in vorzeitigen Ruhestand versetzt werden, denn eine große Alternativenwahl steht uns nicht zur Verfügung. Die einzige Straße die durch die Keys führt, wird unseren Plänen auch zum Verhängnis. Mit einer unglaublichen Höchstgeschwindigkeit von sagenhaften 10 mph quetscht sich der Verkehr der Straße entlang wie Zahnpasta aus der Tube.

Im Sinne einer Bordunterhaltung beschäftige ich mich mit der Tip-Tronic-Funktion des Camaros. Während die Automatik die Urgewalt (durch vorzeitiges Schalten auf Standgasniveu) zu zähmen weiß, lässt die Tip-Tronic die Raubkatze ungefiltert auf den Asphalt. Die anzügliche Qualität des Bösen lässt sich mittels Schaltpaddles in 6 Stufen sortieren.

Durch die Kurzsprints im Stop'n'Go Verkehr erinnern die folgenden Sequenzen an die Landeszene aus “Hot Shots” - beschleunigen - Kopf zurück - bremsen - Kopf vor - nochmal. Meine Frau bietet mir das Frühstück zur Durchsicht an (die Originalformulierung lautete in etwa: “Wenn du das noch einmal machst, kommt mir das Essen hoch”) - ich kann mich des Deja-Vus nicht erwehren, lehne dankend ab und schalte auf [D].

Das Kennenlernen des Key West erfolgt auf der Duval St. Horden an Rad-, Moped- und Elektrokartfahrern wuseln über den Asphalt. Mit dem V8 flanieren wir an den Southernmostpoint zum Dog-Beach. Mangels Badehose bleibt das Badevergnügen den Füßen vorbehalten. Die Meeresbrise weht mir um die Nasespitze, das salzige Nass umspült meine Knöchel, die Cruisecontrol der Mentalautomatik schaltet auf [R] für "Recreation". Mir wird bewusst: Ich bin da! Ich bin angekommen! Ich bin im Urlaub! Die höheren kognitiven Funktionen werden heruntergefahren...

Tag 6
Der schönste Strand des Keys soll angeblich beim “Ft. Zachary Taylor State Park” sein. Wir gehen dem Wahrheitsgehalt auf den Grund, öffnen das Verdeck und cruisen durch die City.


Im [R]-Gang des Vorabends cruisend, freuen wir uns über jede Rote Ampel und jeden Radfahrer – weil diese uns zum kurzen Verweilen und Genießen der V8-geschwängerten Atmosphäre einladen. Der Camaro erweist sich als idealer Begleiter in diesen ruhigen Momenten. Nur widerwillig wird das Leder des Sitzes gegen das Textil des Badetuchs getauscht. Der Rest ist Sonne, Meer und Hautteint.

Tag 7
Nach dem “Frühstück” ist es Zeit "to hit the road". Das Navi wird auf Florida City programmiert. Wir finden den “US 1”. Der Kompass zeigt “Norden”. Das saftige Grün der Bäume wechselt mit dem Türkis des Wassers und in letzter Konsequenz mit dem Hellblau der Begrenzungssteine bei der Überfahrt aufs Festland.

Next Stop: Everglades National Park.

Der Nachmittag steht bereits an. Wir schreiben halb 5. Im Visitor Center kriegen wir einen überaus freundlichen Crashkurs in Sachen Öffnungszeiten. Wir erfahren, dass wir wohl etwas zu spät dran sind. Wir zählen auf unsere Selbstständigkeit und setzen die Fahrt, mit einer Karte bewaffnet, dennoch fort.


Wunderschöne Landschaften und Menschenleere Stege erwarten uns. Wir wollen nach “Flamingo”. Rd. 60 Meilen (in eine Richtung, wohlgemerkt) führt uns der Weg durch verlassene Straßen.

Zur Auflockerung werden auf den verlassenen Straßen ein Paar 0-55 (schneller darf man nicht) Sprints geprobt. Meine Frau umklammert die Haltegriffe - die Beschleunigung der Sinne folgt. Die wahre Brutalität der Bewusstseinserweiterung wird einem erst durch Abwesenheit dessen bewusst – in den Millisekunden der Schwerelosigkeit zwischen Rückenlehne und Sicherheitsgurt, wenn der raketenartige Schub durch Verlassen des Gaspedals vorzeitig unterbrochen wird – der empirische Beweis, dass das Suchtmittelgesetzt im ggst. Fall anzuwenden ist.


Die Straße ist amerikatypisch kurvenbefreit. In den wenigen Abweichungen von der Norm, wie auch im Miami-Straßenverkehr der Tage zuvor fallen die rd. 1,8 Tonnen  überraschenderweise nicht auf.

Wir genießen die Weiterfahrt – der Sonnenuntergang im Rücken – vor uns die Unendlichkeit – Roadtrip-Feeling im unverfälschten Original.

Kurz nach Sonnenuntergang streben wir nach dem “Homerun”. Beim Kappen der Zündung wird mir der Grad der Gewöhnung bewusst. “So ein Camaro wäre ein perfektes Souvenir” lautet die rationalisierte Formulierung meines Bewusstseins. Meine Gedanken fixieren das Längenmaß von 158 cm. Die entsprechende Formel lautet “Länge+Breite+Hohe”. Ich glaube zu wissen, dass der Terminus-Technicus "Gurtmaß" lautet – die Austrian nenn es salopp “Reisegepäckmaße”. Erste Gedanken über mögliche Falttechniken werden angestellt.

Tag 8
The destination for today: Fort Myers. Die Entfernung: knappe 120 Meilen.

Dass Florida um diese Jahreszeit eine On-Off-Beziehung mit seinem Wetter führt, haben wir bereits gehört. Bei Miami erleben wir das volle Ausmaß dessen. Wir fahren abermals gegen eine Wasserwand. Die Flut im freien Fall nimmt mir die Sicht. Das Hin-Her der Scheibenwischer verkommt zur Alibihandlung. Das Gehör ist durch das monotone “white noise” der Tropfen geblendet (Anm.: Ist das Gehör erst geblendet, ist das Subjekt betäubt – klar soweit?). Der Tastsinn verbleibt als einziger Kontakt zur Außenwelt. Die Reifen werden zu Fingerkuppen – das Lenkrad/Sitzfläche-Duo zur neuronalen Verbindung. Das Navi hält uns tapfer auf Kurs – eine Überraschung nach den Erlebnissen der vergangenen Tage. Wir waten am Highway.

Wir passieren erfolgreich den Sturm. Es folgt eine 2 spurige (1 Spur je Richtung) Landstraße – die engste Straße die mir bis Dato in den Staaten begegnet ist. Es gilt (langsame) Hindernisse zu überwinden. Mit dem V8 verhandle ich jedes Überholmanöver einzeln. Das Gaspedal ist mein Advokat, die Automatik mein Dolmetscher. Ich erhalte die Antwort gebrüllt – das Urgeschrei einer Vorzeitraubkatze. Sekundenbruchteile vergehen. Das HUD schreit “90!” - eine Verdoppelung der Zulässigkeit. Die Brembos deeskalieren...bis zum nächsten Mal!.



Tag 9
Der Tag vergeht weitgehend Chevy-los. Erst in den späten Abendstunden bemühen wir die 8 Zylinder für eine Fahrt zum nächsten Kino. Die Selbstverständlichkeit der Fahrt projiziert den Camaro in den eigenen Alltag. Das Ergebnis des Gedankenexperiments ist eindeutig: Dieser Chevrolet würde sich wohl genau so nahtlos in die mittelalterliche Enge des mitteleuropäischen Stadtzentrums einfügen.

Tag 10
Heute ist wieder ein Wechsel der Szenerie angesagt, weitere 120 Meilen nördlich wollen wir unsere Zelte wieder aufschlagen.

Kurzer Tankstopp – der V8 ist eben durstig – die Interstate grüßt. Endlich sind mal 70 mph erlaubt. Ich stelle den Tempomat auf 75 und genieße das Landschaftskino.

Das spontane Einkochen des Verkehrs warnt mich vor – erneut treffen wir auf einen Regensturm, erneut wird das Cabrio zum U-Boot, mein Blick zum Sonar, die Scheibenwischer zum Taktgeber des Ping. In Tauchfahrt schwimmen wir wie Sardinen mit dem übrigen Verkehr in enger Formation. In gewohnter Manier erwarten uns strahlend blauer Himmel und trockene Straßen, sobald der Sturm vorüber ist.

Das Stoffverdeck bleibt trotz der heftigen Bemühungen von Oben, im Inneren stets trocken - die nächste Waschstraße kann also bedenkenlos kommen.

In der Wärme des Sandstrandes angekommen werden wir vom Wiener Slang aus dem Urlaubsfeeling gerissen. Ein Amerikaner in Badeshorts verdeckt den Blick auf die Brandung. Das „Oida! Wos is!“ sitzt akzentfrei. Bei einem Plausch erfahren wir, dass dieser Zeitgenosse uns bereits beim Check-In als Österreicher in Visier genommen hatte. Als jemand der mehrere Jahre in Wien gelebt hat, gibt er seine Eindrücke von der Alpenrepublik zum Besten. Er teilt mit uns seine Theorie über die Wiener: „Have you been schimpft today?“ sagt er, „In Austria you get schimpft all the time. My wife was always so upset that everybody kept yelling at her. I told her: Honey! It is called "schimpfen". It is an Austrian right. Every Austrian has the right to schimpf whoever he likes. It is absolutely normal.“ Nach dieser sensationellen Einsicht in die Untiefen der Wiener Seele und einer freundlichen Verabschiedung geben wir uns weiterhin der Faulheit des Strandurlaubes hin.

Unser Hunger veranlasst uns dazu die Entspannungskur zu unterbrechen. Die Wahl der Destination fällt uns leicht: Outback Steakhouse. V8 angeworfen, Verdeck runter, Cruise Control an, Herz, was willst du mehr?

Tag 11
Für heute steht noch eine 120 Meilen Etappe an. St. Pete verabschiedet uns mit einem dunkelgrauen Himmel – wohl um uns den Abschied etwas zu erleichtern.

Ein letztes Mal schneiden wir eine relativ lange Strecke in den amerikanischen Asphalt. Ich genieße die Highways, das Revier des V8s. Der Grad der Gewöhnung ist inzwischen gigantisch – die Trennung wird hart. Überlegungen über mögliche Faltbarkeit auf Handgepäckmaße haben, trotz eingehendem Studiums allfälliger Origami-Techniken, bis dato zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Leider!

Die vergangenen Tag lauerten die scharfen Kanten stets vor der Motel-Tür. Ein kurzer Blick aus dem Fenster genügte, um dem Fernsehprogramm den Unterhaltungswert strittig zu machen. Wenn auch Adjektive wie "hübsch", "chic" oder "elegant" wohl nicht zutreffen, wirkt die Erscheinung in Bügelfalten durchwegs gefällig. Das etwas Pubertäre der Optik gehört hier zum Verkaufsversprechen.


"Camaro" soll wohl für "Kamerad" stehen, behauptet GM. Der aufkommende Unmut über die Ungerechtigkeit der Österreichischen KFZ-Besteuerung belegt diese Behauptung. Die souveräne Agilität, die kurzen Momente der Schwerelosigkeit beim Verlassen des Gaspedals und die dem V8-Sound geschuldete Gänsehaut haben sich tief in die Gedächtnis-Black-Box eingebrannt. Das ist die Methode des Wahnsinns, der das Bezin in den Adern fließen lässt. Ob nun beim faulen rumlümmeln im Stadtverkehr oder beim adrenalingeschwängerten Überholmanöver auf der Landstraße, der Camaro kennt das gesamte Spektrum der Gefühlswelt.


Wir fahren auf den Parkplatz der Autovermietung. Als ich dem Mitarbeiter die Funktionsweise des geöffneten Verdecks erkläre, habe ich die letzte Möglichkeit mich von diesem Reisebegleiter zu verabschieden. Mein Camaro! Dich werde ich vermissen!


    

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